Albatros

…ist ein Langstrecken-Flieger
mit sehr guten Segel-Eigenschaften
und der Name unseres ersten Reisemobils.

Nachdem wir von Anfang 1975 bis Ende 1978 an unserem Haus rum und drum herum gebaut hatten, wollten wir im Rahmen unserer Möglichkeiten regelmäßig auf Reisen gehen. Das ist mit vier Kindern zwischen einem und elf Jahren wahrlich kein leichtes Unterfangen.

Zwar hatten wir schon einige Reise-Erfahrungen mit dem Zelt oder einem Wohnwagen gesammelt, das schien uns aber eher was für stationäre Ziele zu sein.

Wir liebten indes das Vagabundieren und nicht so sehr das Ankommen.

Da traf es sich gut, dass aus Amerika die neumodische Welle des „selbstfahrenden Wohnwagens“ nach Deutschland geschwappt war und wir entwickelten folgenden Plan:

  • Erwerb eines Mercedes-Benz 407 Kastenwagens als Basis für ein Reisemobil
  • kindgerechter und robuster Innenausbau mit sechs Schlafplätzen
  • große Fensteröffnungen für Helligkeit und gute Rundumsicht
  • Ausrüstung für Langstrecke und Selbstversorgung

Dabei herausgekommen ist unser Albatros:

Eine im Alltagsbetrieb nicht erkennbare Besonderheit: Quer im Führerhaus gab es ein Hochbett, das – zur Hälfte eingeklappt – über dem Fahrer als Ablage installiert war. Es konnte elektrisch bis auf Lenkrad-Höhe herabgelassen und sodann ausgeklappt werden. Das ergab eine Liegefläche von 1,8 m x 1,2 m, für uns Eltern durchaus hinreichend.

Das Konzept

Unser Mobil sollte so variabel wie möglich sein. Daher hatten wir auf „Doppelklapp-Türen“ im Heck großen Wert gelegt; man kann sie im 90° Winkel (Fahrzeuglängsrichtung) feststellen oder noch einmal um 180° umklappen und dann an der Seitenwand einrasten. Dazu passend haben wir eine abnehmbare und hochklappbare Plattform installiert, die sich nicht nur als Fahrradträger, sondern auch als Terrasse oder – im Fahrbetrieb mit aufgestellten Türen und Sicherheitsleine – als Aufbauverlängerung nutzen ließ.

Im Heck war der Wohn- und Schlafbereich. An beiden Längswänden standen 1,9 m lange Truhenbänke. Deren Rücklehnen konnten nach oben geklappt und eingehakt werden, so wurden sie zu Schlafkojen. Der Tisch in der Mitte war versenkbar und bildete dann mit den Bänken eine große Liegefläche. Oft haben alle hinten geschlafen, die großen Kinder oben in den Kojen, der Rest der Familie unten. Das verlangte natürlich eine gute Frischluft-Zirkulation. Deshalb hatten alle äußeren Schlafplätze jeweils genau in Kopfhöhe eine Lüftungsklappe und für den Mittelbereich gab es eine Dachluke.

Nach vorn hin war der Wohn- und Schlafbereich auf der rechten Seite durch einen Kleiderschrank und links durch den Waschraum mit Toilette abgegrenzt. Dabei hatte die Waschraum-Tür eine Doppelfunktion; wurde sie rechtwinklig aufgestellt, rastete sie am gegenüber liegenden Kleiderschrank ein und sperrte so den Durchgang nach hinten ab. Das hatte eine ungemein praktische Bedeutung: wenn die Kinder alleine sein sollten oder wollten, konnten sie sich stets nach hinten zurückziehen und dort ungestört spielen oder Kassetten hören.

Zwischen dem Waschraum (unterhalb der Dachverglasung) und der Trennwand hinter dem Fahrersitz befand sich die Essecke mit zwei kleinen Truhenbänken quer zur Fahrtrichtung und einem versenkbaren Tisch. Sie konnte zu einem Kinderbett umgebaut werden, so dass insgesamt mehr Schlafplätze vorhanden waren, als von uns benötigt wurden. Daher sind gelegentlich auch befreundete Kinder mitgefahren.

Der Essecke gegenüber – auf der rechten Fahrzeugseite – stand an der Schiebetür der Küchenblock mit Spüle, Herd und Kühlschrank. Der gesamte Vorderwagen war durch große Fenster auf beiden Seiten, ein Küchenfenster und eine Dachverglasung über der Schiebetür sowie durch das großzügig verglaste Führerhaus hell und freundlich gehalten. Er war damit optimal auf Sightseeing ausgelegt.

Den Innenausbau haben wir komplett in Naturholz erstellt, vornehmlich mit 19 mm Stabholzplatten. Diese haben – mit soliden Beschlägen versehen – allen Belastungen standgehalten, Reparaturen fielen insoweit während der gesamten Betriebsdauer des Mobils nicht an.

An technischen Sonderausstattungen sind besonders hervorzuheben:

  • Einbau einer „langen“ Hinterachse (Bus-Achse), die Geschwindigkeiten bis 130 km/h zuließ, soweit der Motor mit seinen 65 PS das hergab. Die längere Übersetzung diente in erster Linie der Verbrauchsreduzierung durch Ausnutzung des niedrigen Drehzahlbereichs.
  • Einbau eines Zusatztanks, wodurch sich der Kraftstoffvorrat auf 170 Liter erhöhte. Dadurch konnte der Aktionsradius auf über 1.000 km gesteigert werden.
  • Einbau von zwei Versorgerbatterien, die ein von der Fahrzeug-Elektrik getrenntes Bordnetz speisten.

Die Nutzung

Der Albatros hat unser Leben mehr als 15 Jahre lang bereichert. Bereits die Ausbauphase war ein Abenteuer und die vielen Touren durch ganz Europa sowie Vorderasien möchten wir allesamt nicht missen. Sie haben die Familie geprägt.

Die erste große Reise führte uns im Sommer 1980 über Österreich, Ungarn und Rumänien bis ans Schwarze Meer bei Constanta.

Der Ostblock war eine Fahrt ins Ungewisse, für kleine Geschenke hatten wir Kugelschreiber und Nylonstrümpfe eingepackt.

In Constanta lernten wir eine Familie aus der DDR kennen, mit der wir uns angefreundet haben, die wir aber „natürlich“ in ihrer Heimat nicht besuchen konnten. Erst 1982 haben wir uns in Bulgarien wiedergesehen.

Bis Mitte der 90er Jahre waren wir regelmäßig jedes Jahr in den Oster-, Sommer- und Herbstferien „auf Achse“. Der Albatros wurde uns zum Inbegriff von Freiheit.

Sobald wir gestartet und auf die Hauptstraße eingebogen waren, bekam die Welt ein anderes Gesicht, als wäre in unseren Köpfen ein Schalter umgelegt worden.


Unsere eindrucksvollste Tour haben wir im Juli 1989 als Konvoi mit drei Reisemobilen unternommen, die ziemlich baugleich waren:

Treffpunkt war Michelsrombach an der A 7 nördlich von Fulda; am 01. Juli 1989 ging es von diesem Startplatz morgens um 9:20 Uhr in Richtung Österreich los. Alle Fahrzeuge hatten Sprechfunkgeräte an Bord.

Nach dem Kalwang-Tunnel in der Steiermark fuhren wir von der Autobahn ab und fanden in Kalwang am Bahnhof den ersten Übernachtungsplatz. Am nächsten Mittag überschritten wir die Grenze des damals noch bestehenden Jugoslawiens, das politisch bereits sehr unruhig und von einer galoppierenden Inflation geplagt war (Bei der Einreise gab es für 100 DM 800.000 Dinar, auf der Rückreise drei Wochen später 1 Million). Wir machten einen Abstecher durch das herrliche Tal der Drau bis zur Mündung in die Donau und erspähten dort den zweiten Stellplatz für die Nacht direkt am Wasser.

Am dritten Abend holte uns die große Politik ein. Wir waren kurz vor Leskovac (Serbien) von der Hauptstraße abgefahren und hielten in einem Dorf nahe der heutigen Republik Kosovo nach einem Schlafplatz Ausschau, als wir viele erregte Menschen bemerkten und eine spannungsvolle Stimmung empfanden. Unsere Reaktion: wir sahen einen großen freien Platz, dessen Mitte man sich nicht unbemerkt nähern konnte, und bauten genau dort mit unseren Mobilen eine dreieckige „Wagenburg“ auf. Die Nacht blieb friedlich.

Den vierten Abend verbrachten wir in Stavros (östlich von Thessaloniki) am Mittelmeer und fuhren dann gegen 21:00 Uhr weiter nach Kavala, wo wir am Strand übernachteten. Den nächsten Vormittag hingen wir dort am Wasser ab, um nachmittags weiter nach Alexandroupolis zu fahren, wo wir bis zum Abend am Strand blieben. In der Nacht ging es über die türkische Grenze.

Wir übernachteten kurz nach Kesan auf einem Berg mit herrlicher Aussicht über das abfallende Gebirge und setzten am 06. Juli unsere Fahrt nach Istanbul fort, wo wir gegen 14:00 Uhr auf dem uns bereits bekannten Londra Camping eintrafen. Den Nachmittag und den nächsten Tag verbrachten wir in der Stadt, gegen Abend ging es dann weiter über den Bosporus nach Karasu am Schwarzen Meer.

Nach einem Bad im Meer am frühen Morgen fuhren wir von Karasu weiter die Küste entlang auf der Suche nach einem schönen Ruheplatz, um Energie zu tanken für die bevorstehende Duchquerung der Türkei von Nord nach Süd. Bei Akcakoca wurden wir fündig und blieben dort bis zum 11. Juli.

Die erste Etappe führte uns nach Ankara, was uns nicht so gut gefiel, und weiter ging es Richtung Kayseri. Auf dem Weg hielten wir an einem See, der zur Übernachtung einlud, um am nächsten Tag auf der zweiten Etappe in Kappadokien das Felsendorf Zelve mit seinen Tuffstein-Höhlen sowie die Felsenkirchen von Göreme zu besichtigen. Natürlich war abends Touristen-Shopping im Dorf angesagt. Gegen 23:00 Uhr zogen wir uns auf einen nahegelegenen Berg zurück, wo wir einen Schlafplatz mit toller Aussicht auf den Ort mit seinen Felsenkaminen hatten.

Wer einmal in der Gegend war, muss selbstverständlich auch die unterirdische Stadt in Derinkuyu gesehen haben, durch die wir uns am nächsten Tag haben führen lassen. Dann ging es weiter zur Ihlara-Schlucht, fanden aber deren Zugang nicht, wohl aber einen toten Esel auf der Landstraße und freundliche Aufnahme bei einer bäuerlichen Familie, die direkt oberhalb des Tals wohnte. Nachdem wir von dort in die Schlucht geschaut hatten, ging es weiter zur Karawanserei Sultanhani, wo wir einen netten Führer kennen lernten, der uns im Garten des Touristik-Büros einen Stellplatz für die Nacht anbot.

Die dritte Etappe verlief über eine 100 km lange Wüstenstraße nach Konya, dem religiösen Zentrum der Türkei. Von dort ging es über fünf hohe Gebirgspässe und durch eine urige Berglandschaft ans Mittelmeer, das wir am Abend des 14. Juli gegen 20:00 Uhr bei Manavgat erreichten.

Am nächsten Morgen befuhren wir die Küstenstraße Richtung Alanya, wobei wir immer wieder für ein Erfrischungsbad anhielten, bis uns ein Platz bei Gazipasa einlud, für zwei Tage zu bleiben.

Wir beschlossen, von dort nicht mehr zur Kreuzritterburg Mamure Kalesi (Kap Anamur) zu fahren, was wir zunächst avisiert hatten, sondern den Rückweg anzutreten. Unsere eingeplante Urlaubszeit war bereits zur Hälfte vergangen und die Hitze machte uns zu schaffen. Als wir auf dem Hinweg mittags der hohen Temperaturen wegen langsam mit geöffneten Schiebetüren durch Alanya gefahren waren, hatte sich das Profil der Reifen schon so deutlich und mit einem schmatzenden Geräusch in den heissen Aspalt eingedrückt, als würden wir durch Schlamm fahren; wir befürchteten, auf der Straße kleben zu bleiben, falls wir anhalten müssten.

Also ging es am 17. Juli wieder Richtung Westen und – nachdem wir die Touristenhochburg Antalya hinter uns gelassen hatten – hoch in die kühleren Berge nach Termessos, ein „Adlernest“, das selbst Alexander dem Großen standgehalten hat. Wir erklommen die Stadt ohne Straßen und fanden nach ausgiebiger Besichtigung einen nahe gelegenen Standplatz im Buschgelände.

Tags darauf erreichten wir die Sinterterrassen von Pamukkale, die über Jahrtausende durch kalkhaltige Thermalquellen entstanden sind und natürlich zum Baden einluden:

Am Nachmittag des 19. Juli kamen wir westlich von Ephesos an der Ägäis an. Gegen Abend wurden wir von der Polizei nachdrücklich aufgefordert, den Strand zu verlassen und vor der Wache in Selcuk zu parken, weil der Polizeipräsident um unsere Sicherheit besorgt sei; vor einigen Tagen habe es nachts einen Raubmord am Strand gegeben und der Täter sei noch immer nicht gefasst worden.

Unfreiwillige Aufstellung vor der Polizeiwache von Selcuk, um uns für die Nacht „in Sicherheit zu wähnen“.

Nachdem wir am nächsten Morgen Ephesos besichtigt hatten, hielten wir uns auch den nächsten Tag noch in der Metropolregion Izmir auf. Am 22. Juli trennten sich dann unsere Wege; eine Teilnehmer-Gruppe wurde dringend zu Hause erwartet und startete zur zügigen Heimfahrt, das verbliebene Duo machte sich einen schönen Tag am Meer und traf abends in Canakkale ein.

Der folgende Tag (23.07.) war ein Sonntag. Wir überquerten die Dardanellen mit der Fähre und erreichten mittags die Stadt Kesan, die wir am 05.07. Richtung Istanbul verlassen hatten. Damit schloss sich der Kreis unserer Rundfahrt durch die Türkei.

Zur Rückreise benutzten wir bis Skopje die selbe Route wie auf dem Hinweg. Entlang der griechischen Küste hielten wir uns tagsüber viel am Meer auf und gegen Abend fuhren wir dann weiter. In Jugolsawien angekommen, verließen wir jedoch die bekannte Strecke, um uns ein persönliches Bild von den schwierigen Verhältnissen in dem zerfallenden Staat machen zu wollen. Wir besuchten Pristina, die Hauptstadt des Kosovo, und kamen auf dem Weg nach Mitrovica am Amselfeld vorbei – auf den Tag genau vier Wochen nach dem Großereignis vom 28. Juni 1989, als Milosevic dort vor einem „Millionenpublikum“ seine berühmt gewordene Amselfeld-Rede gehalten hatte zum 600-Jahresgedenken an die Schlacht zwischen einem christlichen Herr und der osmanischen Streitmacht.

An der Straße ein Gedenkstein und auf der Höhe ein Denkmal zur Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld vom 28. Juni 1389. Die Stimmung war düster, was auch daran gelegen haben mag, dass uns seit Skopje ein heftiges Unwetter mit Starkregen sowie großen Schlamm-Massen begleitet hatte und der Himmel noch immer nicht aufgeklart war.

Am 27. Juli brachen wir Richtung Sarajevo auf, fuhren zunächst am Fluss Ibar entlang und dann durch das vom Unwetter ebenfalls noch gezeichnete Tal der Morava nach Visegrad, wo wir die Drina als reißenden Strom überquerten. Danach gerieten wir in eine Riesenbaustelle für ein neues Staudamm-Projekt und dann wurde aus der Asphaltstraße eine Schotterpiste. Es ging hoch ins Gebirge auf uralten Wegen. Je weiter wir in das Landesinnere vordrangen, um so abgelegener war die Gegend. Nach über einer Stunde im Schneckentempo war klar, dass wir Sarajevo an diesem Tag nicht mehr erreichen würden. Deshalb fuhren wir für die Nacht etwa 60 km vorher von der Straße ab auf einen Berg:

Alleine im Hochland östlich von Sarajevo bei trübem Wetter und wenig einladender Umgebung

Tags darauf trafen wir gegen Mittag in Sarajevo ein, eine österreichische Stadt der Vorkriegszeit mit aufgesetztem sozialistischem Gesicht. Von dort ging es über Banja Luka auf Nebensträßchen nach Zagreb, wo wir auf den „Autoput“ wechselten. Doch schon nach wenigen Kilometern waren wir von den Verkehrsverhältnissen so genervt, dass wir in ein abseits gelegenes Dorf fuhren und dort für die Nacht verblieben.

Am Samstag (29.07.) krochen wir mittags über den Wurzenpass (bis 17 % Steigung) nach Österreich, gerieten vor dem Tauern-Tunnel in einen dicken Stau, überquerten bei Freilassing die deutsche Grenze und fanden kurz vor Mitternacht am Kreiskrankenhaus von Landau einen Stellplatz zur Übernachtung.

Der Sonntag (30.07.) war unser letzter Reisetag. Wir „schwammen“ im dichten Urlaubsverkehr mit gelegentlichen Stockungen und trafen gegen 21:00 Uhr müde, aber zufrieden wieder zu Hause ein – nach 8.831 Kilometern und vier Wochen, zwei Tagen sowie einer Stunde.